© Reza Hossin Abadi

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Kein Mensch kann bewusst irrelevant sein

 

Bericht des Thementisches „Zivilklausel“

 

 

 

„Das Gedächtnis, die Kapazität, Neues zu versuchen und die Möglichkeit, mündlich zu kommunizieren, haben dem Menschen Entwicklungen möglich gemacht, die nicht von biologischen Gegebenheiten diktiert wurden. Solche Entwicklungen manifestieren sich in Traditionen, Institutionen und Organisationen; in der Literatur; in wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften; in Kunstwerken. Das erklärt, weshalb der Mensch in einem gewissen Sinne sein Leben selbst beeinflussen kann, und dass in diesem Prozess bewusstes Denken und Wollen eine Rolle spielt.“

 

Albert Einstein, „why socialism“, 1949

 

 

 

Über uns

 

Alle Menschen sind gesellschaftliche Wesen. Ein Großteil der Menschheit möchte produktiv und kooperativ arbeiten, sinnvolle Forschung und Wissenschaft betreiben, gemeinsam die Geschichte ergründen, um aus ihr zu lernen, gesund leben, tanzen, lachen, Kunst und Kultur schaffen und genießen. Auch eine gute Wohnung und ausreichend gesundes und schmackhaftes Essen sind nicht zu verachten. Mündige Menschen gestalten die Welt und die große Mehrheit will vor allem eins: Frieden. Dazu im Widerspruch steht, dass momentan mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind vor Krieg, Hunger und Elend. Der Krieg fordert nicht nur Menschenleben, er raubt unwiederbringliche Kunstschätze und Weltkultur, achtlos vor Schönheit und jahrhundertealtem Wissen. Darum ist denjenigen, die den Krieg wollen, das Handwerk zu legen: Den Bänkern und Unternehmensbesitzern, die am Krieg verdienen, ihren militärischen, juristischen, ideologischen und wissenschaftlichen Gefolgsleuten.

 

 

 

Als Bündnis von hochschulpolitisch Aktiven an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg und der Universität, Mitstreitern aus Stadt und Land und verbunden mit der bundesweiten Initiative „Hochschulen für den Frieden – Ja zur Zivilklausel“ setzen wir uns für gesellschaftlich eingreifende Wissenschaften ein, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet der Bildung mündiger Persönlichkeiten widmen.

 

Seit 2007 konnten Zivilklauselaktive die Einführung von Zivilklauseln an mehr als 60 Hochschulen in der BRD erreichen.

 

 

 

Ökonomisierung der Hochschulen

 

Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahren führten Bertelsmann, Handelskammer und die neoliberalen Parteien, gegen den Protest von Hochschulmitgliedern, die „unternehmerische Hochschule“ ein. Durch diese sollen die Wissenschaften auf die Produktion profitabel verwertbarer Erkenntnisse und billigen Humankapitals reduziert werden. Nicht Erkenntnisbildung mit dem Ziel human bestimmter Veränderung sondern Dienstbarkeit vor Arbeitgebern und Auftraggebern, bzw. ideologisch verbrämt „dem Standort“, sollte gelten. Dadurch geraten die Hochschulmitglieder, die notwendig erkenntnis- und wahrheitssuchend tätig sind und (damit) zumeist auch bewusst das Wohl der Menschen verbessern wollen, in einen immer größeren Widerspruch: hoch qualifiziert und gleichzeitig wider die Verbesserung des gemeinsamen eigenen Lebens orientiert? Kein Mensch kann zugleich schlau und dumm sein.

 

 

 

Die Alternative: Zivilklausel - Friedenswissenschaft als Leitwissenschaft

 

Mit dem Leitbild geht es darum, dass ProfessorInnen wie Studierende, Lehrende wie Mitarbeitende keine dienstbaren Zwerge im Dienste der Profitheckerei sind, sondern sich als Wissenschaftssubjekte begreifen, die an der Lösung gesellschaftlicher Probleme arbeiten:

 

-          Eine kritische Sozialarbeitswissenschaft zum Beispiel kann in Gegnerschaft zum sozialdarwinistischen Menschenbild der „Natürlichkeit“ der Konkurrenz die Ursachen der sozialen Ungleichheit erforschen und Bedingungen und Möglichkeiten ihrer Überwindung kenntlich machen.

 

-          Eine humanistische Medizin muss für einen ganzheitlichen Gesundheitsansatz, der mehr als die Abwesenheit von Krankheit ist, und eine auf Prävention und Heilung gerichtete Wissenschaft die „Patienten“ als Persönlichkeiten und Subjekte begreifen und nicht als eine Ansammlung von Organen oder schlicht als Geldbeutel.

 

-          Diese Orientierung gilt auch für die technischen und naturwissenschaftlichen Bereiche, etwa zur Bekämpfung des Hungers oder der Umweltverschmutzung statt Drittmittelaufträge der Rüstungs-, Pharma- und Chemiewirtschaft.

 

Dies alles kann durch die Einführung von Zivilklauseln - Wissenschaft ausschließlich für zivile Zwecke - befördert werden.

 

 

 

Hochschule als Republik

 

Um dies zu ermöglichen, muss die gescheiterte und bundesweit immer mehr in Frage gestellte „unternehmerische Hochschule“ überwunden und das Studium durch eine Ausweitung der begonnenen Studienreform vom restriktiven Bachelor/Master-Schmalspurstudium befreit werden. In Anlehnung an die '68er Errungenschaften geht es um eine Renaissance und Erweiterung der sozial offenen und demokratischen Gruppenhochschule, in der alle Mitglieder kollegial und kooperativ, in guten Arbeitsbedingungen und sozial abgesichert über die Ausrichtung von Forschung und Lehre demokratisch entscheiden. Weiter muss die politisch gewollte Unterfinanzierung beendet, die Schuldenbremse abgeschafft und Bildung, Wissenschaft und Kultur bedarfsgerecht und öffentlich finanziert werden. Dabei kommt es auf alle an.

 

 

 

Tischdiskussionen

 

In den 3 Tischgesprächen wurde deutlich, dass die aktuelle gesellschaftliche Lage alle herausfordert, sich zu positionieren. In diesem Sinne gab es zwei Fragestellungen, die an den verschiedenen Tischen, unterschiedlich stark gewichtet, diskutiert wurden.

 

 

 

1.      Bildung

 

Vertieft wurde die aktuelle wissenschaftsfeindliche Situation an den Hochschulen – Drittmittelfinanzierung, Rüstungsforschung, Bachelor-Master-System, „Neutralität der Wissenschaft“. Eine Erkenntnis war, dass viele Studierende nicht so stark unter Stress stehen weil das Pensum des Lernstoffs seit BA/MA mehr geworden ist, sondern wegen der Zerschlagung der Zusammenhänge und des utilitaristischen Lernens (z.B. Prüfungen). Das zuvor genannte Dilemma des „schlaudummen“ Studierenden erzeugt den Frust – er/ sie soll schlau genug sein, seine/ihre hoch komplexen Aufgaben zu lösen, aber dumm genug gehalten werden, sich nicht der eigenen Situation als mündiger Bürger in einer gemeinsamen Welt bewusst zu werden. Das verursacht Depressionen. In diesem Hamsterrad gibt es nur 2 Möglichkeiten: Entweder befreiende Opposition oder Affirmation gegenüber dem, was krank macht.

 

 

 

2.      Bedeutung

 

Daran schließt das zweite Thema an. Viele diskutierten engagiert, philosophisch und historisch-aktuell mit uns die Frage nach der (eigenen) Bedeutung: „Macht der Mensch seine Geschichte? Wer sind dafür Bündnispartner? Wie bekommen die Kriegstreiber Menschen gegen ihre eigentliche Einstellung dazu, für Krieg und Konkurrenz zu sein?“ Als zentralen Punkt arbeiteten wir die Geschichtsvergessenheit heraus. Wer seine Geschichte kennt, kann die Gegenwart stärker durchdringen und von da aus verändern. Aber mit der TINA-Ideologie („there is no alternative“, Margret Thatcher und andere) und dem propagierten ´89er Dogma vom „Ende der Geschichte“ wollen die Herrschenden den Menschen iihre Geschichte nehmen. Der Mensch soll „selber schuld“ (Eigenverantwortlich) an seiner Lage sein und die Sesamstraßenfragen (Wieso, weshalb, warum?) nicht auf die gesellschaftlichen Ursachen der Misere richten, nicht auf die Veränderbarkeit und nicht auf die eigene bisherige und mögliche andere Bedeutung für den Fortgang der Geschichte. In der Individualisierung des gesellschaftlichen Lebens, in der „Normalität“ liegt das Grauen. Dagegen gilt: echte Verbesserungen beginnen mit Opposition.

 

 

 

Fazit

 

Wir schließen mit der Pointe des einen Tisches: „Kein Mensch kann bewusst irrelevant sein!“. Für eine neue Kultur des Friedens und der Solidarität können alle aktiv werden. Wer die Initiative ergreift findet Bündnispartner. Jean Ziegler sagte dazu am 19.04. in der Taz: „Die Zivilgesellschaft, die aus all den vielfältigen Bewegungen zusammengesetzt ist, aus den Kirchen, den Gewerkschaften und den NGOs, die an ganz verschiedenen Fronten gegen die kannibalische Weltordnung und gegen die Staatsraison Widerstand leisten – diese Zivilgesellschaft ist das neue historische Subjekt. Sie ist die Hoffnungsträgerin. Ich bin der andere, der andere ist ich – diese einfache Feststellung ist der Motor des zivilgesellschaftlichen Aufstandes.“

 

Nehmen wir gemeinsam unsere Geschicke wieder in die Hände - Gestalten wir das Leben selbst durch Kooperation.

 

 

 

Johanna Zimmermann und Tobias Berking sind hochschulpolitisch Aktive an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) und an der Universität Hamburg.

 

 

 

Weitere Infos unter:

 

www.ak-friedenswissenschaft.de

 

http://zivilklausel.de/